"... ich habe alle Werke und auch alle großen Meister gehört, aber jetzt höre ich keine Musik mehr: sie erregt und erschöpft mich zu sehr. Weil die Musik mit solch tiefem archetypischen Material zu tun hat und weil diejenigen, die sie spielen, dies gar nicht realisieren." C.G. Jung
Vorbemerkungen
Enneagrammatisch betrachtet ist mein vorherrschendes Typenmuster entscheidend bzw. ausschlaggebend für die Wahrnehmung der Wirklichkeit bzw. die Entscheidung darüber, mit welchen Wirklichkeitsbereichen ich mich identifiziere .
Dies betrifft auch den Musikgeschmack; d.h. die Identifikation mit einem Musikstück bedeutet nichts anderes, als das ich mich in den in ihm "angesprochenen" Themen wieder finden kann oder wie Jung es ausdrückt, archetypisches Material bei mir entdecke. Musiktherapeuten, die gleichzeitig auch Psychologen sind, wie Jörg Rasche oder Wolfgang Schroeder sprechen in ihren Büchern ganz selbstverständlich von Musik als einem Spiegel der Seele.
Die Wirkung eines musikalischen Werks ist in der Praxis jedoch sehr breit gefächert, die eindeutige Zuweisung einer Wirkung zu einem Musikstil lässt sich nicht vornehmen. Dies hat mehrere Gründe:
Zunächst einmal kann man sagen, dass das Musikerlebnis etwas Ganzheitliches ist, mehr als durch einzelne Begriffe erfassbar ist. Ich kann versuchen ein Musikwerk zu beschreiben, immer geht jedoch etwas verloren.
Ein musikalisches Werk besitzt zwar einen "objektiven" Ausdruck. Aber manchmal fällt es bereits dem Komponisten schwer, sich diesem zu nähern . Viele Kunstwerke sind vom Publikum - oft auch zurecht - ganz anders verstanden und interpretiert worden als sie vom Komponisten gemeint waren. Er hat offensichtlich unbewusst Themen verarbeitet, die ein anderes Verständnis ermöglichen.
Das Missverständnis kann aber auch in der Person des Adressaten begründet liegen. Dieser interessiert sich vielleicht für ein Detail im Kunstwerk, das für ihn und seine Lebensproblematik gerade entscheidend ist, aber objektiv gesehen an einem tieferen Verständnis der Komposition vorbeigeht. Musikrezeption ist sehr subjektiv, ein individuelles persönliches Erlebnis.
Die oben genannten hermeneutischen Grundregeln gelten aber nicht nur für die Musik, sondern für alle Kunstwerke, im Grunde für jede Form der Mitteilung, die nicht eindeutig ist.
Der Zugang zum Enneagramm und somit zu mir selbst über Musik (als ein möglicher Zugang) bietet meines Erachtens mehrere Vorteile:
Musikhören stellt einen ganzheitlichen Zugang dar. Musik spricht den ganzen Menschen an: Herz, Kopf und Bauch. Das Ohr ist als Sinnesorgan sehr viel leistungsfähiger als alle anderen Sinne. Es dringt viel tiefer ein, hat eine unmittelbare Verbindung zum limbischen System, unserer Gefühlswelt. Über das Ohr berühre ich einen Menschen am stärksten; was wären die schönsten Liebesszenen in Filmen ohne die anrührende Musik im Hintergrund. Der Spruch aus dem Volksmund "Wer nicht hören will, muss fühlen" verdeutlicht ein tiefes Wissen des Menschen um diese angesprochene Verbindung des Sinnesorgans Ohr mit dem Herzen.
Musik schafft eine Distanz.
Wenn ich mich einem persönlichen Thema mittels des Mediums Sprache - in der linken Gehirnhälfte, dem Sicherheitsbereich verankert - stelle, weiß ich , dass es um mich geht und baue möglicherweise bereits irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen auf, um nicht zu viel von mir preiszugeben.
Viele Menschen sind aber ohne weiteres bereit ein Musikstück zu beschreiben oder zu erklären, sich darüber zu äußern warum ihnen etwas gefällt oder auch nicht. Sie kommen dabei in den meisten Fällen nicht auf die Idee, dass sie bereits über sich selbst sprechen und ihre Identifikationsgrundlagen preisgeben ; sie bauen keinen Schutz auf.
Eine ähnliche Herangehensweise kennt man auch in der Psychosomatik:
Man lässt den Patienten seine "körperlichen" Beschwerden in allen Einzelheiten beschreiben, wozu dieser in der Regel auch bereit ist. Dadurch bekommt der Therapeut sehr schnell eine Ahnung davon, wo das eigentliche "psychologische" Problem liegt.
Funktion der Musik in unserer Gesellschaft
Ganz so einfach, wie es sich anhört, ist es jedoch leider nicht. Musik hören und wissen, wer man ist, gestaltet sich doch etwas schwieriger.
Es gilt, meine Lebenssituation und die hier vorherrschende Motivation zu beachten. So wie auch eine FÜNF hilft, so handelt sie doch aus einer gänzlich anderen Motivation heraus als eine ZWEI : Sie will ihre Ruhe haben!
Hinzu kommt, dass ein bestimmtes Muster in einer Stresssituation andere Musik bevorzugt als in einer entspannten Situation.
Schließlich höre ich , wenn ich mich entspannen möchte, d.h. meinen Trostpunkt anzustrebe, nicht unbedingt Musik meines Musters, sondern die des Trostpunktes , d.h. ich höre Musik , um zu kompensieren.
Diesen Gedanken des Musikhörens als Kompensation möchte ich noch etwas weiterverfolgen:
Wenn wir die Geisteshaltung unserer Gesellschaft betrachten, kann man durchaus den Sicherheitsaspekt als den ausgeprägtesten ausmachen. Seit dem 11. September 2001 treibt viele Menschen die Angst vor weiteren Terroranschlägen um, die Tsunami Katastrophe macht uns schmerzhaft deutlich, wie unsicher unsere Welt ist. Der Wunsch nach Sicherheit erhält durch solche Ereignisse natürlich Nahrung, aber die im Sicherheitsbereich typischen Abwehrmechanismen und Notprogramme, d.h. die Aktivierung der Vernunft, das Erstellen von Konzepten, die in Zukunft alles sicherer machen, kommen zum Vorschein (Typ 6 und 7).
Der Wunsch, sicher zu sein, zeigt sich beispielsweise auch an der Wichtigkeit von Versicherungen. Wir würden am liebsten auch unsere Beziehungen versichern lassen, wenn es denn ginge. Hier wird die Generalisierung der Vernunftskonzepte auf Beziehungs- und Autonomiebereich deutlich.
Eine andere Methode auf Krisen zu reagieren , ist Zerstreuung. Man stellt den Wunsch nach einer Erweiterung der Optionen fest (Typ 7). Was verschafft mir Spaß einen Kick, welche Unternehmungen sind hierzu notwendig (z.B. Computerspiele (Flucht ins Virtuelle), Aktiv - Reisen usw.).
Im Bildungswesen liegt der Schwerpunkt sowohl inhaltlich als auch methodisch eindeutig auf der Förderung der linken Gehirnhälfte. Fächer wie Mathematik (früher eine Hilfswissenschaft), Physik haben eine herausragende Rolle eingenommen, auch in der Wahrnehmung der Eltern. Fächer wie Musik und Religion, die zur Ausbildung der rechten Gehirnhälfte dienen sollten, haben allenfalls eine Alibifunktion oder sie reduzieren sich in der Praxis oftmals auf den "wissenschaftlichen" Aspekt.
Der Zugang zu den Lernbereichen erfolgt über das Auge, das Sehen . Alle anderen Sinne spielen kaum eine Rolle.
Wo sind Bauch und Herz?
Hier kommt nun wieder die Musik ins Spiel:
Die populärste und gleichzeitig anerkannteste Einteilung von Musik aufgrund ihrer Wirkung bezieht sich auf den Musiktherapeuten Professor Hermann Rauhe - langjähriger Leiter der Musikhochschule in Hamburg - , der die Musik in vernünftige, psychische und biophysische Musik einteilt.
Die populärste und gleichzeitig anerkannteste Einteilung von Musik aufgrund ihrer Wirkung bezieht sich auf den Musiktherapeuten Professor Hermann Rauhe - langjähriger Leiter der Musikhochschule in Hamburg - , der die Musik in vernünftige, psychische und biophysische Musik einteilt.
Er spricht von klassischer Musik als im Grunde entkörperlichter Musik, eine Musik, der die Aufnahme mit dem Geist (bewussten Nachdenken) am ehesten gerecht wird. Er begründet dies damit, das die frühere ganz natürliche Verbindung von Musik und Tanz durch die Entstehung der Kirchenmusik und schließlich der Kunstmusik durchbrochen worden ist. Kunstmusik ist somit eine Musik, die vom Boden abhebt, die sich über den Alltag erhebt und den Menschen auf diese Reise mitnehmen möchte. Als der Jazz Kunstmusik wurde, wurde die Rhythmik komplizierter, die Betonungen zwischen den Beats, die Kontrapunkte wurden deutlicher, die Musik verlor an Bodenhaftung.
Aus dieser Erkenntnis heraus und der obigen Beschreibung des Zeitgeistes erklärt es sich, dass 95% der Bevölkerung in ihrer Freizeit Musik des Bauchs ("biophysische") oder Musik des Herzens ("psychosomatische") hören und zwar als Ausgleich.
Zumindest muss man davon ausgehen, dass etwas 2/3 der Bevölkerung (nämlich Bauch- und Herztypen) dies tun, um sich selbst näher zu sein und vielleicht ein großer Teil der Kopftypen aus kompensatorischen Gründen.
Wie hilft mir Musik, mich selbst zu entdecken?
Hier möchte ich einen Ansatz Hermann Rauhes weiterverfolgen, der in einem Fernsehinterview einmal den Wunsch äußerte, dass in jedem Personalausweis in Zukunft auch der Lieblingssong des Betreffenden aufgeführt sein sollte. Dieser Wunsch beruht auf seiner Erfahrung als Musiktherapeut mit Komapatienten, die nach einem Unfall mit Hilfe ihres Lieblingssongs wieder zu ersten Reaktionen "bewegt" werden konnten. Jeder von uns hat einen, mehrere oder vielleicht ganz viele "Lieblings - Songs".
Die bewusste Auseinandersetzung damit hat mehrere Vorteile:
- Ein Song hat meist eine einfache, klare und leicht nachvollziehbare Struktur, die zum Nachdenken anregt, die man aber als Zugang zur Musik nicht analysieren muss.
- Ein Song besitzt eine überschaubare Länge im Durchschnitt von 3 - 4 Minuten; auf CDs finden sich jedoch inzwischen unterschiedliche Versionen (Radio-Mix, Live-Mix, Unplugged-Mix), die von der Länge zwischen 3 bis zu 8 Minuten variieren.
- Ein Song hat einen Text, der die inhaltliche Interpretation der Musik bereits in eine Richtung lenken kann.
Natürlich kann ich mich auch in klassischer Musik wiederfinden, allerdings:
Die Themen klassischer Stücke erschließen sich meist erst im großen Zusammenhang, d.h. diese Werke haben eine längere Dauer. Sie bedürfen, um sie zu verstehen meist eines mehrmaligen Hörens. Daher dürften sie einen Einführungskurs allein zeitlich sprengen.
Die Musiktherapeutin Ute Wagner arbeitet in ihren Kursen mit klassischer Musik. Sie nimmt sich aber für ein Werk mit einem ganz bestimmten Thema ein ganzes Wochenende Zeit.
Klassische Werke wirken zwar auch ohne, dass man sie versteht - wie übrigens jedes Kunstwerk - haben dann aber oft keine Funktion mehr im Hinblick auf das Ingangsetzen eines Bewusstmachungsprozesses , der zu meiner Persönlichkeit hinführen soll.
Es ist nicht allein entscheidend, welche Musik ich höre, sondern wie ich darauf reagiere. Zur Zentrenbestimmung kann es sehr hilfreich sein, wenn ich mir einfach nur bewusst mache, wie ich Musik wahrnehme. Was ist mir wichtig? Denke ich dabei nach, achte ich auf Spielfehler, stört mich die Interpretation, die ein anderer Dirigent sehr viel besser hinbekommt oder wird die Musik zu einer symbolischen Oberfläche, die mich träumen lässt, die Bilder, Assoziationen in mir freisetzt oder nehme ich die Musik rhythmisch, körperlich wahr.
Alle musikalischen Parameter (Melodie, Rhythmus, Harmonik, Lautstärke, Instrumentation usw.) besitzen eine kommunikative Komponente, d.h. wenn ich über einen Rhythmus oder eine Melodie spreche, teile ich bewusst (meist jedoch unbewusst, d.h mit Abstand s.o ) dem Zuhörenden bereits etwas von mir mit.
Die Bedeutung eine Musikstückes hat eine objektive Tendenz, dennoch kann dieses Stück für jeden Menschen etwas davon vollkommen Abweichendes bedeuten, je nach Sitz im Leben.
Folgende kleine "Checkliste" kann mir beim Hören helfen, bzw. bewusst machen, welches Zentrum mein Hauptwahrnehmungszentrum darstellt (mit den gemachten Einschränkungen s.o.).
Musik meiner Seele
Selbst wenn ich in bestimmten Lebenssituationen möglicherweise die Musik meiner Seele nicht wahrnehme bzw. erkenne, weil ich gerade im Stress bin, mich selbst nicht ausstehen kann oder Musik zur Kompensation verwende (siehe oben) heißt das natürlich nicht, dass es sie nicht gibt.
Da Musik ein Spiegel der Seele ist gibt es die typische EINSER - Musik, ZWEIER - Musik usw.
Hierzu werden an dieser Stelle in regelmäßigen Abständen spannende Artikel erscheinen, die dann auch jeweils Aktualisierungen bei den Empfehlungen zur Folge haben.
Ich würde mich freuen, wenn Du mich in meinem Bemühen unterstützen würdest, Beziehungen zwischen dem Enneagramm und der Musik verlässlich herzustellen. Du kannst dies alleine schon dadurch tun, indem Du mir - verbunden mit der Information über dein Muster - mitteilst, welche Musik du besonders gerne hörst, welche Du nicht ausstehen kannst und welche Du in bestimmten Lebenssituationen hörst (siehe Seite Kontakt).

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